Gegen Antisemitismus im linken Gewand

Sunday, 4. July 2004 @ 18:24

Anlaesslich des 100. Todestages von Theodor Herzl am 3. Juli benennt die Stadt Wien einen kleinen Platz nach ihm.

Ein bescheidener Platz, der seiner Bedeutung als Intellektueller im Wien um 1900 nicht gerecht werden kann und gerade mal einen Steinwurf entfernt vom großen Lueger-Platz, der einem antisemitischen Zeitgenossen Herzls gewidmet ist. Herzl stand urspruenglich für die Integration und Assimilation der Juedinnen und Juden in ihre jeweiligen europaeischen Länder. Er selbst fuehlte sich der "deutschen Kultur" verpflichtet. Als Korrespondent der "Neuen Freien Presse" in Frankreich erlebte er die
ungeheure antisemitische Manifestation der franzoesischen Bevoelkerung anlaesslich des Prozesses gegen den juedischen Offiziel Dreyfuss, der faelschlicherweise des Hochverrats beschuldigt wurde und zu lebenslanger Haft auf den Teufelsinseln in Franzoesisch Guyana verurteilt wurde, unmittelbar mit. Diese Erfahrung erschuetterte Herzls Vertrauen in die integrativen Faehigkeiten der europaeischen Gesellschaften nachhaltig.

Herzl begann sich fuer eine juedische Emanzipation unabhaengig vom Wohlwollen der europaeischen Mehrheitssubjekte stark zu machen. Er wollte die gaengigen nationalistischen Konstitutionsideen buergerlicher europaeischer Staaten auch auf die juedische Subjektkonstitution anwendbar machen. Diese Ideen entsprachen dem damals hochmodernen Nationendiskurs. Sie versprachen gerade den osteuropaeischen Juedinnen und
Juden, im Gegensatz zu den bereits emanzipierten westeuropaeischen Juedinnen und Juden, Aussicht auf eine moderne buergerliche Existenz jenseits von Diskriminierung und permanenter Todesdrohung durch Pogrome.
Kaum ans Licht der Oeffentlichkeit getreten, wurden diese Ideen sofort diskreditiert: was die MehrheitseuropaeerInnen
selbstverstaendlich fuer sich in Anspruch zu nehmen beabsichtigten, wollten sie Juedinnen und Juden grundsaetzlich verweigern. Die ueberwiegende Mehrheit der west- und zentraleuropaeischen Juden hingegen sah selbst keine Notwendigkeit fuer Herzls Ideen gegeben, da sie ihre Hoffnungen eben auf die integrative Kraft der buergerlichen Gesellschaft und ihrer Faehigkeit zur Anerkennung von Differenz
gegeben sah. Sie erwarteten ein fortschreitendes Emanzipationspotential fuer das private buergerliche Subjekt. Die weitere Geschichte widerlegte diese Hoffnungen und gab Herzl Recht!

Dass sich die FPOE und antisemitische Bevoelkerungsteile gegen Herzl wenden, wird am obigen Abriss folgerichtig. Wenn sich aber auch Kraefte, die sich als links verstehen, diesen Haltungen anschließen, ist das eine politische Katastrophe. Herzl war eine bedeutende oesterreichische politische Persoenlichkeit und die Benennung eines Herzl-Platzes ist ein kleines und spaetes Symbol gegen den Antisemitismus in Oesterreich und als solches voll und ganz zu unterstuetzen. Wer diese Anerkennung zwangslaeufig mit der Lage im Nahen Osten kurzschliesst, will ablenken, beziehungsweise antisemitische Ressentiments fuer andere politische Zwecke benutzen.


unterstuetzt von:
BagruPowi, Cafè Critique, DIE J?oeDISCHE ( www.juedische.at), Context
XXI, LICRA, KP?--GO Dogma, die Zecken

Kundgebung am Samstag 26. 6. 2004 16.30, Parkring/Stadtpark 1030 Wien (gegenueber
Hotel Marriot, auf der anderen Strassenseite).


GO-Dogma - Die undogmatische Grundorganisation
http://dogma.mond.at/news/article.php?story=20040704182448208