Antisemitismus, die österreichische Normalität!

Saturday, 25. September 2004 @ 04:07

Flugblatt der GO Dogma anlässlich des Volksstimmefests 2003

?oeber ein antifaschistisches Anliegen, das immer wieder "vergessen" oder dessen zentrale Bedeutung verkannt wird: der Kampf dem Antisemitismus!

Der Antisemitismus muss quasi als Urform des Rassismus betrachtet werden. Den Jüdinnen und Juden wurden schon seit jeher sämtliche rassistische Vorurteile zugeschrieben. Sie waren und sind weiterhin die "Fremden" inmitten von ChristInnen (früher), Deutsch-?-sterreicherInnen (19. und 20. Jhd.) und ?-sterreicherInnen (heute). JüdInnen werden nicht wegen des Glaubens verfolgt, sondern weil sie eben JüdInnen sind. Ein wesentlicher Unterschied zum Rassismus, der die Opfer als "minderwertig" abqualifiziert, besteht darin, dass JüdInnen als "überwertig" bezeichnet werden, was in besonderer Schläue, Geschäftstätigkeit und vor allem in der "Unsichtbarkeit" zum Ausdruck kommen soll. Gerade daraus ergab sich für den Nationalsozialismus die extremste Konsequenz ihrer Ablehnung; die Vernichtung.

Verschwörungstheorien und die phantasierte Existenz von"jüdischen Lobbies", die im Hintergrund die Fäden ziehen, sind Ergebnisse solcher Vorstellungen. AntisemitInnen sehen "jüdischen Einfluß", nicht nur innerhalb Israels, sondern je nach politischem Couleur, an der "Ostküste" mit dem Zentrum New York oder in "Amerika", respektive den USA. Angesichts der Entwicklung nach den Anschlägen auf das WTC, bei dem das jüdische bzw. zionistische Amerika gleichzeitig getroffen werden sollte, ist es wenig verwunderlich, dass der "klassische" Antisemitismus immer mehr von einem Antizionismus und Antiamerikanismus abgelöst wird, ohne dass ersterer verschwindet. Vor einiger Zeit forderte man in diesem Land "Kauft nicht bei Juden", heute wird gefordert keine US-Produkte oder Waren aus Israel zu kaufen.

Der moderne Antisemitismus, der in Deutschland und ?-sterreich im Nationalsozialismus total und kollektiv tödlich wurde, ließ den JüdInnen auch durch Konversion zum Christentum keinen Ausweg mehr. Schon vor dem deutschen (und österreichischen) Vernichtungsantisemitismus war die Assimilation der JüdInnen gescheitert. Erst seit den 30er Jahren wurde zwangsläufig der Zionismus, die jüdische Nationalbewegung für einen jüdischen Staat, mehrheitsfähig, da der Antisemitismus keinerlei Alternativen erlaubte. Nach der Shoah sollte Israel der Zufluchtsort der wenigen ?oeberlebenden werden, die nach der Befreiung als "unerwünschte Personen" durch Europa irrten.

Die Zweite Republik machte keinerlei Anstalten, diese Unglücklichen zurückzuholen, im Gegenteil. Schließlich hatte man "eigene" Sorgen, da ?-sterreich von den "Wirren der Zeit von 1939 bis 1945" betroffen war. Derlei revisionistische Ansichten findet mensch noch heute massenhaft auf Tafeln an wieder aufgebauten Häusern, die österreichisches Geschichtsbewusstsein widerspiegeln. In diesem Land wird ja viel von der "Aufbaugeneration" gehalten, denn das erspart scheinbar die Frage, wer eigentlich den "Wiederaufbau" notwendig machte.

Seit der Zeit wird auch zwischen "anständigen" ?-sterreicherInnen und den "bösen" Nazis unterschieden. Diese Einteilung diente in erster Linie, dem Freispruch der so genannten MitläuferInnen und Arisierungsprofiteure.

Es gibt eine Fülle von antisemitischen Aussagen und Aktionen auch nach 1945, die in ?-sterreich zum guten Umgangston gehören. Diese nur kurz zu erwähnen würde aber den Rahmen des Flugblattes sprengen. Zum Beispiel fanden in den 60er Jahren Demos unter Rufen, wie "Hoch Auschwitz" statt. Bedauerlicherweise waren die Alliierten damals nicht mehr anwesend und die "echten ?-sterreicher" wieder unter sich.

Im Zuge der Waldheim-Affäre 1986 wurde der latente Antisemitismus wieder manifest und das ganze antisemitische Vokabular stand wieder auf der Tagesordnung. Dabei rächte sich die spärlich bis gar nicht erfolgte Auseinandersetzung mit dem
systematischen Mord an JüdInnen.

?-sterreich als Land der TäterInnen, kam nach 1945 mehr als billig weg, da es als erstes Opfer Hitlers bezeichnet wurde. Das erzwang geradezu das Stillschweigen über die Zeit von 1938 bis 1945. Eine kritische Aufarbeitung hätte den Opfermythos innerhalb kürzester Zeit ad absurdum geführt. Diese Situation ließ auch die Volksgemeinschaft unter demokratischem Vorzeichen weiterleben. Die Entnazifizierung dauerte nur kurz und ließ die Masse der �MitläuferInnen� in Ruhe. Schlussstrichdebatten gibt es übrigens seit 1945!

Die zaghaften Eingeständnisse 1991 über eine Mitschuld der ?-sterreicherInnen am Nationalsozialismus wurden von Schüssel wieder revidiert und der Opfermythos feiert seit dem Machtantritt von Schwarz-Blau wieder fröhliche Urständ.


Der Umgang ?-sterreichs mit der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG)

?-sterreich legt es offenbar darauf an, dass Wien eine "Stadt ohne Juden" wird. Als zynisch muss der Regierungsvorschlag angesehen werden, der die Linderung der Probleme nur in Form einer Vorauszahlung von Restitutionsgeldern vorsieht und überhaupt die Finanzierungsfrage der IKG mit Restitution und Rechtssicherhit verknüpft.

Die IKG Wien war die mit Abstand größte Gemeinde in ?-sterreich, die drittgrößte Europas und hatte bis 1938 ca. 180000 Mitglieder. Von 1938 bis 1945 wurden in ganz ?-sterreich ca. 65000 Jüdinnen und Juden ermordet; ca. 120000 wurden vertrieben, das Eigentum geraubt. So konnten die Nazis mehr Wohnraum "schaffen", als das "Rote Wien" in den 20er Jahren.

Die Regierung beteuert, jahrzehntelang "beträchtliche Leistungen" erbracht zu haben (Im Vergleich mit Deutschland nur ein Bruchteil). Die Haltung der Regierung fördert das Bild vom unersättlichen, geldgierigen, blutsaugenden Juden. Dieses wird von der österreichischen ?-ffentlichkeit sowieso begierig aufgenommen; genauso wie sie über angeworfenen "Dreck am Stecken" und "abgetakelte Mossad-Agenten" johlt oder statt der IKG lieber Bergbauern fördern will. Dabei wurden bisher nicht einmal 5% des geraubten Vermögens restituiert. Sogar für die enormen Sicherheitsmaßnahmen, die in einem Land wie diesem (lebens-)notwendig sind, muss die IKG selbst aufkommen.

Der "Entschädigungsfond für geraubtes jüdisches Vermögen" wurde nicht aufgrund österreichischer Initiative geschaffen, sondern erst nachdem eine Welle von Sammelklagen drohte und das österreichische Image darunter zu leiden begann. Obendrauf bekommt ?-sterreich noch "Rechtssicherheit", die eventuelle nachfolgende Forderungen für alle Zeit unterbinden soll und einem (finanziellen) "Schlussstrich" gleichkommt.

Die Jüdinnen und Juden, diese dauernden Störenfriede, die allein schon durch ihre bloße Anwesenheit irritieren, wären doch selbst Schuld am Antisemitismus. Das meinen nicht wenige ?-sterreicherInnen.

?-sterreichische "Kritik" an Israel sieht dann dementsprechend aus: Beklagt wird die "Apartheidpolitik" gegenüber den PalästinenserInnen (dass damit das ehemalige südafrikanische Regime verharmlost wird, ist egal); das Westjordanland wird mit dem Warschauer Ghetto verglichen und überhaupt müssten die JüdInnen es doch, aufgrund der Erfahrungen der Shoah besser wissen!

Warum ausgerechnet Jüdinnen und Juden "menschlicher" handeln sollten und nicht ihre deutschen, österreichischen und anderen PeinigerInnen, ist schlichtweg aberwitzig.

Der palästinensische Selbstmordterror ist den ?-sterreicherInnen oft keine Erwähnung wert, ist er doch "legitimer Ausdruck" eines "unterdrückten Volkes". Verständnis dafür gibt es von ganz rechts bis ganz links. Die unterschiedlichsten Solidaritätsbekundungen mit arabischen Ländern müssen unter dem Aspekt gesehen werden. Auf der Demo gegen den Irakkrieg war ein Meer von palästinensischen Fahnen zu sehen. Ob diese TeilnehmerInnen auf der falschen Demo waren?

Auch die Linke betrachtet JüdInnen oft als nicht dazugehörig; auf sie wird gern verzichtet. Es wurde ihnen die Teilnahme an antifaschistischen Demos verunmöglicht. Das kommt einer linken Bankrotterklärung gleich.

"Antizionismus" ist ein wissenschaftlicher Begriff für die innerjüdische Debatte in den 20er und frühen 30er Jahren, geprägt von jüdischen Intellektuellen, die damals die Gründung eines jüdischen Staates abgelehnt haben, da sie befürchteten, dass das Judentum dadurch seinen universellen Charakter verlieren würde. Mit dem Holocaust wurden Fakten geschaffen, die "Antizionismus" als politische Kategorie verunmöglichen. "Antizionismus" ist immer antisemitisch konnotiert, auch wenn die SprecherInnen dies gar nicht beabsichtigen.
Die nationale jüdische Selbstverteidigung wird von Rechten und etlichen Linken gleichermaßen abgelehnt. ?-sterreichische AntiimperialistInnen verteidigen in ihrem Israelhass neuerdings sogar einen Holocaustleugner! Aufgrund ihres "Befreiungsnationalismus" finden sie nichts dabei, wenn dieser (bislang einer; ein jordanischer Kämpfer für revisionistische "Meinungsfreiheit") in neonazistischen Zeitschriften publiziert; solange es sich um einen Araber handelt. Dafür ernten sie, auch für die Verteidigung des Baath-Regimes oder eines serbischen Faschisten, in jüngster Zeit offenes Lob von Neonazis. Das stellt wahrlich einen neuen Höhepunkt dar - und die Verteidigung einer solchen Gruppe durch Linke mit der Behauptung, Kritik an israelischer Politik drohe generell als antisemitisch klassifiziert zu werden, zeigt wie groß der Mangel an Auseinandersetzung mit Antisemitismus tatsächlich ist.

In der Kommunistischen Partei ?-sterreichs wurde die Wirkung dieser Ideologie, mangels Theoriebildung und Auseinandersetzung, lange Zeit nicht genau erkannt. Ein längst überfälliger Diskussionsprozess über Antisemitismus als einer Form von Antikapitalismus, tut Not! Diese dringlichen Prozesse vorantreiben; dazu möchte die Grundorganisation Dogma beitragen.

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