Wer hat Angst vor Karl Marx?

Tuesday, 8. November 2005 @ 14:53

Ab 15. November 2005 wird es, in Zusammenarbeit mit der Gruppe Gegenargumente, einen neuerlichen "Kapital"-Lesekreis geben. Interessierte können jenes zentrale Werk von Karl Marx lesen, das viele vom Hörensagen kennen, so mancher bzw. so manche gelesen hat, aber die wenigsten als das verstanden haben, was es ist: eine grundlegende Analyse und (vernichtende) Kritik von Kapital und Staat!
Ursprünglich hätte der Kurs im Bezirksamt Alsergrund abgehalten werden sollen, doch da der Ort derart ungemütlich ist, werden die Sitzungen im behaglicheren Cafe 7Stern tagen. Interessierte sind herzlich eingeladen.

GILT AB JßNNER 2006!
Nächster Termin am Dienstag den 31.1.06

NEUER ORT: Liechtensteinstraße 123, 1090 Wien

NEUE UHRZEIT: ab 19.30 Uhr

"Sozial ist, was Arbeit schafft"

Der deutsche Wahlkampf, die Querelen nachher und die Bildung der neuen Koalition haben auf der Grundlage einer völlig unbestrittenen Diagnose der krisenhaften Lage der Nation stattgefunden: Dem Volk fehlt Arbeit, und diese Not muss bekämpft werden! Dem war schon Schröders Amtsantritt vor 7 Jahren gewidmet. Er wollte sich an der Reduktion der Arbeitslo-senzahlen messen lassen, und ist mit all seinen Reformen, die das Land gründlich verändert haben, daran gescheitert. Dieselbe Aufgabe wollen ihm nun andere abnehmen.
1.
Die Politik kennt und anerkennt nur noch ein echtes, unbedingt schutzwürdiges Interesse der "sozial Schwachen"; das absurdeste: das an Arbeit. So einfach wird nämlich niemand von einem Bedürfnis nach Arbeit umgetrieben. Arbeit ist immer noch der Aufwand, der getrieben werden muss, um die Gegenstände und Mittel herzustellen, nach denen ein Bedürfnis besteht, sie ist nicht selbst das Bedürfnis, und jeder Arbeiter, der seine Sinne beieinander hat, ist froh, wenn die Arbeit erledigt und wieder vorbei ist. Das Bedürfnis nach Arbeit, dem die Politiker sich nachdrücklich verpflichten, ist kein waldursprünglich menschlicher Drang, sondern Aus-druck einer hergestellten, erzwungenen Lage. Nach Arbeit seufzen, Arbeit suchen nur Proleta-rier in der kapitalistischen Gesellschaft; Leute, denen es unmöglich ist, die für ihre Bedürfnis-se nötigen Arbeiten nach eigenem Entschluss und nach Maßgabe ihres Bedarfs zu verrichten. Leute, die getrennt sind von den Mitteln der Produktion, so dass sie davon leben müssen, Dienste für die Reichtumsvermehrung anderer nach deren Vorgaben und Ansprüchen zu ver-richten, und sich dafür bezahlen zu lassen. Politiker, die "Arbeit schaffen" wollen, unterstel-len die ganze, mit staatlicher Rechtsgewalt hergestellte und von ihr geschützte Eigentumsord-nung, die Scheidung in die Klasse der Eigentümer der Produktionsmittel auf der einen und in die Klasse der eigentumslosen Arbeitskräfte auf der anderen Seite, als eine eherne "Realität", der sie in der Ausübung ihres Amtes gerecht zu werden hätten. Nur die von dieser Realität erzwungenen Interessen und Nöte anerkennen sie als "legitime Interessen der Bürger" und denen dienen sie dann.
Zynisch setzen sie darauf, dass der Bedarf nach solchen Diensten im Volk reichlich vorhan-den ist, denn - doppelt absurd - das erzwungene Interesse, für den Reichtum der Reichen ar-beiten zu dürfen, ist für Millionen gar nicht zu befriedigen. Der Bedarf der Armen nach Lohn-arbeit, mit der sie sich ihren Lebensunterhalt verdienen können, ist viel größer als das Bedürf-nis der kapitalistischen Gesellschaft nach den Leistungen ihrer Arbeit. Die Eigentümer kön-nen die vielen Arbeitskräfte, die sich ihnen anbieten, für die Verwertung ihrer Investitionen einfach nicht gebrauchen. Nicht, dass sie weniger Waren produzieren würden als früher - ganz im Gegenteil - nicht dass die Herstellung irgendwelcher Produkte unterbliebe, die sich mit Gewinn verkaufen lassen; alles, was kapitalistisch gebraucht wird und geht, wird produ-ziert und verkauft - aber eben mit erheblich weniger Arbeitskräften als früher. In der Not der Millionen Erwerbslosen reflektiert sich keine allgemeine gesellschaftliche Armut, kein Man-gel an Produkten und Produktionsmitteln, sondern ?oeberfluss: der erreichte Stand der Produk-tivität der Arbeit, mithin die Ergiebigkeit der Springquellen des materiellen Reichtums. Ihr Fortschritt verwirklicht sich im Kapitalismus so pervers, weil die Unternehmer die Arbeit ihres Personals immer produktiver machen, aber nicht um ihren Leuten Arbeitsmühen zu spa-ren, sondern um Arbeitskräfte einzusparen, sich die Bezahlung ihres Lohn zu ersparen. Dafür machen sie die Arbeit der Leute, die sie weiterhin für ihren Geschäftszweck benutzen, immer rentabler; und dafür wenden sie zugleich immer weniger Arbeitskräfte rentabel an. Der Nut-zen der hohen Arbeitsproduktivität verteilt sich also sehr einseitig: Das Kapital bekommt die Leistung seiner Arbeitskräfte immer billiger, indem es pro Arbeitstag immer mehr verkaufba-res Produkt aus seinen Beschäftigten herausholt; die Arbeitskräfte aber haben vom wachsen-den Wirkungsgrad ihrer Arbeit nichts zu erhoffen als die Bedrohung ihrer Existenz. Noch froh sein muss der Teil der Belegschaft, der für seine ergiebigere Arbeit den alten Lohn erhält; der andere Teil fliegt wegen der gewachsenen Leistungskraft seiner Arbeit nämlich auf die Straße und bezahlt den Fortschritt der Produktivkräfte mit unmittelbarer Verelendung. Der Segen, dass immer weniger Arbeit für die Herstellung der benötigten und erwünschten Güter erfor-derlich ist, wird für kapitalistische Arbeitskräfte zum Fluch: Sie leben vom Gebraucht-Werden für fremden Gewinn, können daher umso weniger leben, je weiter die Entwicklung der materiellen Reichtumsquellen fortschreitet. Dass sie sich von dieser ruinösen Fessel be-freien, sich die Produktionsmittel aneignen und die notwendige Arbeit selbst so organisieren, dass alle mit weniger Mühe mehr Güter ihres Bedarfs produzieren und das Leben ein bisschen gemütlicher angehen: diese Vorstellung ist mit den kommunistischen Bewegungen ausgestor-ben.
Herrschende Demokraten lassen sich wählen mit dem Versprechen, sich der Not anzunehmen, die mit der Mehrung des kapitalistischen ?oeberflusses wächst, und einmal im Amt, tun sie das auch. Sie sorgen erstens für diese Not, indem sie eisern und mit allen Hebeln der Staatsgewalt sicherstellen, dass anders als durch fürs Kapital lohnende Arbeit niemand leben kann. Zwei-tens dadurch, dass sie sich der Aufgabe verschreiben, von der relativ überflüssig gewordenen Arbeit wieder mehr zu "schaffen". Dies drittens aber nicht so einfach: ?-ffentlich Arbeit zu organisieren, weil Arbeitslose etwas zum Leben brauchen und es sich verschaffen sollen, das kommt im Reich der Freiheit nicht in Frage. Arbeit zu schaffen, ist hier Privileg und edle Pflicht der freien Wirtschaft. Das Privileg gibt es; niemand sonst befindet darüber, ob, von wem, wie lange und für welchen Zweck gearbeitet wird; die edle Pflicht ist jedoch ein Mär-chen. Eine Aufgabe namens "Arbeit schaffen" kommt in der Agenda der Herren Kapitalisten überhaupt nicht vor. Sie benutzen und bezahlen immer gerade so viel oder so wenig Personal, wie sie für ihr Geschäft lohnend finden - und dabei kalkulieren sie, wie gesagt, knapp: Mög-lichst wenige bezahlte Arbeitskräfte sollen ihnen möglichst viel Arbeit erledigen. Paradoxer-weise stehen die Ausbeuter der Arbeit umso mehr im guten Ruf des Arbeitgebers, je mehr Leute sie entlassen, und je mehr die Gesellschaft gewahr wird, wie unbedingt sie von den Kalkulationen der Herren Arbeitgeber abhängt und diese Abhängigkeit bejaht. Dann lernt sie an der massenhaften Produktion von Arbeitslosen auch nicht, dass in dieser Wirtschaft von einer Aufgabe oder Pflicht zum Arbeit-Geben keine Rede sein kann; im Gegenteil: dann lernt sie daran, wie schwer es den Unternehmern offenbar fallen muss, ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nachzukommen. Da meldet sich dann viertens die in Sachen Arbeit-Schaffen ohnmächtige Politik wieder, und reklamiert doch eine Gesamtverantwortung für die Arbeits-plätze im Land und "schafft Arbeit", so wie es ihr in einer freien Wirtschaft eben ansteht: Sie kämpft gegen die Hindernisse und reißt die Schranken ein, die den Kapitalisten das Arbeit-Schaffen schwer machen. Wenn sich zu wenig Arbeit fürs Kapital lohnt, dann ist die Arbeit eben nicht rentabel genug, jeder Arbeitslose ist dann ein Beweis dafür, dass die Rendite der Kapitalisten zu niedrig ist. Dann tut die Politik das kapitalistisch Angemessene gegen die Not der Arbeitslosen, indem sie sie billiger macht.
2.
Dieses Versprechen, das Volk mit mehr Arbeit einzudecken und keinen anderen Mangel als den an Arbeit mehr gelten zu lassen, definiert neu, was einmal "sozial" hieß. Mehr als ein Jahrhundert lang hatte Sozialpolitik das Ziel, den Kapitalismus für die Lohnarbeiter aushalt-bar zu machen. Dazu war einiges nötig. Aus demselben Grund nämlich, aus dem das Kapital die Leistungsfähigkeit der Arbeit durch Wissenschaft und Technik steigert - es spart an der Bezahlung der Arbeit, aus der es immer mehr Leistung herausholt - kann der menschliche Kostenfaktor vom Ausfüllen seiner ökonomischen Rolle an und für sich nicht leben, jeden-falls nicht ein Leben lang. Erst die gesetzliche Beschränkung der Unternehmerfreiheit, Gren-zen für die Dauer des Arbeitstages, die Zulassung von Gewerkschaften und die Rechtsver-bindlichkeit der von ihnen ausgehandelten Kollektivverträge hat die Ausbeutung des Arbei-ters für ihn überhaupt zu einem Erwerb mit halbwegs festgelegtem Aufwand und Ertrag wer-den lassen. Auch davon aber konnte er auf Dauer nicht leben ohne staatliche Sozialversiche-rungen, die Teile seines Lohnes konfiszieren und im Interesse des ?oeberlebens der Arbeiter-klasse zwangsbewirtschaften. Für die notwendigen Phasen des Elends im Lebensweg des Lohnabhängigen - Alter, Krankheit, Arbeitslosigkeit - werden aus dem Lohn, den das Kapital zahlt, Versicherungsbeiträge abgezweigt und nach erworbenen Ansprüchen und Bedürftigkei-ten unter den einkommenslosen Mitgliedern der Arbeiterklasse umverteilt. Das Zwangsre-gime hat dem Lohn abgerungen, was er von sich aus nicht ist: ein Einkommen, mit dem ein Leben lang der Unterhalt des Arbeiters bestritten werden kann - das alles natürlich um den Preis der Schmälerung des Netto-Lohns, der dem Proletarier bleibt.
In Zeiten millionenfacher ?oeberflüssigkeit von Arbeitskräften für die Wirtschaft setzen Politi-ker aller Couleur auf die ?oeberzeugungskraft des Arguments, dass es für Lohnarbeiter Schlimmeres gibt, als ausgebeutet zu werden - nämlich nicht ausgebeutet zu werden, die Chance also gar nicht erst geboten zu bekommen, sich durch Bereicherung des Arbeitgebers den Lebensunterhalt zu erarbeiten. Diese "Einsicht" begründet die Umwertung alles Sozialen, das der Staat einmal für nötig gehalten hat: Alle Vorkehrungen und Nachhilfen, die die Aus-beutung für den Arbeiter aushaltbar machen sollten, verteuern die Arbeit. Sie beschädigen also, wovon der Arbeiter in Wahrheit lebt - seine Rentabilität für das Profitinteresse des Kapi-tals, und zerstören seine herrliche Einkommensquelle. Alles, was der Arbeiter von seiner Ar-beit hat und aus seinem Arbeitsentgelt finanziert - Lebensunterhalt, Freizeit, soziale Sicher-heit -, verhindert die soziale Hauptsache: Dass überhaupt Ausbeutung stattfindet und der Arbeiter "Beschäftigung" hat. Alle einhundertjährigen staatlichen Regelungen, Korrekturen und Kompensationen der Ausbeutung waren ein Fehler. Der Kapitalismus lässt sich nicht sozial veredeln - und wer es versucht, schädigt zuallererst die "Schwachen", die er schützen will. Seine Ausbeutung als billige Arbeitskraft ist selbst die soziale Wohltat des Kapitals, auf die der Normalbürger zu hoffen und zu setzen hat.
3.
Der Gehalt der Wahlversprechen wird verstanden. Die Wähler entnehmen der Neudefinition des Sozialen sehr wohl die Ansage weiterer "Grausamkeiten", wie das in der gemütlichen Sprache der Politik heißt. In der Demokratie wird eben nichts verschwiegen. Die Bürger sollen die Opfer, die sie bringen werden, billigen, ja am besten noch selbst fordern. Selbst die Verarmung der Masse der Bevölkerung wird in Form einer hoch demokratischen Konkurrenz von Amtsanwärtern um die Gunst der Betroffenen abgewickelt. Das geht - und nicht nur, weil die Wähler ja doch keine Wahl haben, wenn alle Parteien gleichermaßen versprechen, mit aller Macht Arbeit zu schaffen, sondern weil sie sich die Notwendigkeit der "unvermeidlichen Einschnitte" einleuchten lassen. Die demokratische Politisierung des Untertanen ist nichts anderes als die Kunst, ihn gegen seine Interessen zu interessieren. In all seiner Radikalität ist der deutsche Wahlkampf im Jahr 2005 ein Musterfall davon. Die Wahlkämpfer sprechen den Bürger auf seine erzwungene Angewiesenheit auf die Nachfrage des Kapitals nach Arbeit an, erinnern ihn an seine Abhängigkeit vom feindlichen Interesse und versprechen ihm, an den Schalthebeln der Macht dieser Abhängigkeit gerecht werden zu wollen. Sie versprechen, wenn gewählt, der Eigentümerklasse nach besten Kräften zu dienen, sie von Beschränkungen freizusetzen, sie in jeder Hinsicht zu fördern und ihren arbeitenden Wählern dafür alles weg-zunehmen, was den Reformern als hinderlicher Besitzstand ins Auge fällt. Diese Bürger sind Objekte des Ausbeutungsinteresses der Gegenseite - und werden politisch auf dieses Abhängigkeitsverhältnis mit aller Härte festgelegt. Der demokratische Wahlkampf aber spricht sie als Subjekte ihrer Abhängigkeit an, als Leute, die im wohlverstandenen eigenen Interesse den Ansprüchen gerecht werden müssen, denen sie zu ihrem Schaden unterworfen sind. Ihre Verarmung besorgen ihnen ihre Volksvertreter nur zu ihrem Besten, weil in schweren Zeiten eben viele Interessen hinter dem wichtigsten, ersten Interesse zurückstehen müssen! Das erzwungene, absurde Bedürfnis nach Arbeit bekommen die Betroffenen erläutert als das, was es unter kapitalistischen Existenzbedingungen tatsächlich ist: ihr erstes und eigentliches Lebensbedürfnis; alle ihre anderen Bedürfnisse, die sie mit dem Ertrag ihrer Arbeit befriedigen wollen, lassen sie sich als verzichtbaren Luxus schlecht machen, der in Zeiten entwickeltster Produktivkräfte einfach nicht mehr finanzierbar ist.
(Wer meint, die "Linkspartei" sei hier zuwenig gewürdigt worden, möge sich über die Praxis der PDS informieren. Dort, wo sie an der Macht beteiligt ist, also in Berlin und anderswo.)
4.
Wir jedenfalls wollen uns über das ökonomische System kundig machen, das solche absurden Bedürfnisse wie das nach Arbeit hervorbringt. Worin besteht denn nun genau genommen das Kapitalistische am Kapitalismus? Das Werk hat einen gewissen Ruf, mal schauen, inwiefern es den verdient:
Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen ?-konomie
Dienstag ....
Siebenstern ...

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