Lasst uns 1000 Fragen stellen!

Thursday, 9. March 2006 @ 10:55

Es ist eine schwere Zeit für KommunistInnen! die Parteien ringen nach Identitäten, die Individuen suchen nach Wesentlichem und die gesellschaftlichen Hegemonien nehmen keine Rücksicht auf Verunsicherungen aller Art. Angeregt von der salbungsvollen, offensichtlich bewusst untheoretischen Veranstaltung der KP?- zu „Friedensfragen“ möchte ich hier unsystematische Thesen zur Diskussion stellen - Fragen betreffend, welche von der KP?- nicht berührt, oberflächlich betrachtet oder falsch beantwortet werden.

von Kurto Wendt

Ich halte die Thesen bewusst in einer Form, die eine Abschrift einer Küchendebatte sein könnte, um möglichst vielen die Gelegenheit zu geben auch spontan drauf zu reagieren. Jedenfalls möchte ich, wie andere auch, einen Beitrag dazu leisten, eine moderne marxistische Weltanschauung zu entwickeln, anstatt Bewegungsfetischismus oder Marxexegese als quasireligiöse Antworten anzubieten.

1) Wir befinden uns in der ?oebergangsphase vom Kapitalismus zum Sozialismus

die annahme der sozialismus hätte verloren, geht von einer kurzsichtigkeit aus, die aufgrund der schnelllebigkeit zustande kommt. wie alle übergänge von einer gesellschaftsformation zur anderen wird auch dieser länger als ein jahrhundert dauern, der rückschlag durch die abwicklung der russischen revolution ist bedauerlich, allerdings kein gegenbeweis. viele werden sich auch dran erinnern, dass von europäischen solibewegungen den sandinistInnen vorgeworfen wurde, sie hätten in nicaragua zu früh losgeschlagen. den richtigen zeitpunkt für die richtigen taten zu finden ist höchste revolutionäre kunst. beruhigend allerdings ist, dass sich zeigt, dass historische fehleinschätzungen zwar für einzelne akteurInnen schmerzlich sein können, die gesamtentwicklung allerdings nur mäßig beeinflussen. Niemand muß alle vor lauter angst, was falsches zu tun, sich zurückhalten.

2) Der Kapitalismus strebt weiter nach Entfaltung

marxsche prognostik ist erstaunlich präzise, die monopolisierung der wirtschaft geht hurtig voran. es ist noch lange kein zenith erreicht, manche branchen, wie die informationstechnologie, sind schon sehr weit (die fortschreitende marktbeherrschung von microsoft ist kaum mehr zu toppen, die freie software kann unter umständen schon als vorbote des sozialismus gesehen werden) , in anderen, wie der landwirtschaft, sind sogar noch elemente des konkurrenzkapitalismus zu bemerken, dier obendrein noch nationalstaatlich aufgeladen ist. gleichzeitig ist zu bemerken, dass die sprudelnden quellen der ausbeutung am versiegen sind. durch den zwang zur akkumulation der profite müssen die letzten lebensbereiche (bildung, public services, medizin) und die lebenden menschen selbst (patente auf gene) "kolonialisiert" werden. es ist zu spüren, dass die "vertrocknenden quellen", die zum profit gezwungen akteurInnen hektisch nach den wasserpfützen streben, in denen noch profite gemacht werden können. auch alle kriegerischen auseinandersetzungen sind unter diesem licht zu betrachten, romantischen friedensvorstellungen ist entschieden entgegenzutreten. Gleichzeitig scheint auch eine fetischisierung der kleinheit kein erstrebenswertes ziel. „zerschlagt die macht der konzerne“, klingt zwar markig, darf aber nicht als krisenverlängernde sicherstellung von konkurrenz angewandt werden. Es ist niemandem gedient, wenn neben microsoft, oracel, ibm, yahoo oder wer auch immer gleichermaßen profite machen können. Die globalisierung ist eine notwendige entwicklungsphase des kapitalismus, die ihn stabilisert und brüchig macht zugleich. Wer hätte das vor 20 jahren gedacht, dass 2 wochen boykott von dänischer butter in iranischen supermärkten eine jobkrise in skandinavien auslösen kann und gleichzeitig der größte us-kriegsgewinnler im irak, halliburton, ausgerechnet auf einer steuerfreiinsel des irans seinen brückenkopf zum nahen osten hat .

3) Nomadisches Kapital

die technologische entwicklung (eigentlich die produktivkraftentwicklung) ermöglicht es dem kapital und zwingt es geradezu dazu, nomadischen charakter anzunehmen. dabei ght es nicht nur um börsenspekulation sondern auch um branchensprünge oder ganz einfach um die suche nach dem ort mit der höheren profitrate. so hat etwa das familienunternehmen meinl 1991 sein österreichisches unternehmen verkauft und ein ungarisches gegründet, 1997 dieses verkauft und ein rumänisches gegründet und denkt aktuell daran dieses zu verkaufen und weiter nach osten (moldawien, georgien ect.) zu ziehen. die entscheidung ist keine kulturelle, keine machtpolitische, schon gar nicht eine traditionsgeleitete, sondern eine ökonomische. Es reicht nicht profite zu machen,(was auch in österreich möglich ist), sondern den größtmöglichen anzustreben.

4) Unmoralischer Profit?

dies ist keinesfalls unmoralisch, wie es in der globalisierungskritischen bewegung oft dargestellt wird, sondern ein gesetzmäßiger verlauf der produktivkraftentwicklung. es können also keine antitrustgesetze, keine tobintax und keine wahlergebnisse diese entwicklung aufhalten. dies ist keine zynische haltung, die etwa kämpfe um reale verbesserungen lächerlich machen will sondern eine nüchterne betrachtung, um frustrationen in kämpfen gar nicht erst aufkommen zu lassen. selbstverständlich sind vergesellschaftungen von einzelnen branchen, arbeitnehmerInnenrechte für alle, strenge umweltauflagen, ein schillerndes bildungsangebot für alle im kapitalismus verwirklichbare und erstrebenswerte ziele, allein die allgemeine entwicklung der produktivkräfte kann dadurch nicht aufgehalten werden. es sei auch immer wieder betont: es gibt weder einen friedlichen kapitalismus light noch einen almwiesenkommunismus!

5) Partizipation statt Repräsentation

schwieriger als die ökonomische entwicklung ist die der kommunikations-und lebensformen der menschen einzuschätzen. neben der allgemeinen formulierung "sozialismus oder barbarei", die ein mögliches scheitern aufgrund sozialer fehlentwicklungen miteinschließt, ist dies wohl das feld der größten ratlosigkeit. wie sieht eine überwindung der repräsentativdemokratie aus? wird dies eine partizipation möglichst vieler aufgeklärter individuen oder eine privatisierung der macht an einige wenige? wie nötig aktive menschen darauf eine antwort haben wollen zeigen sich die etwas übertrieben hoffnungsvollen vorstellungen von negri und virno, deren theoretischen gehalt man/frau allerdings nicht unterschätzen soll. entscheidend wird wohl die frage sein, wie weit die notwendige integration des kreativpotentials von individuen in arbeitsprozessen als profitvoraussetzung diese individueen ihr kreatives kritisches potential auch in anderen bereichen entfalten läßt.

6) Von der Latenz zur Potenz zur Macht

all diese entwicklungen zeigen auch deutlich, dass es keine evolutionäre entwicklung der geschichte gab und geben wird, das heißt, das jede entwicklung durch konkretes handeln von einzelnen und gruppen verschoben werden kann. es ist für alle spürbar, dass es knistert im gebälk des kapitalismus und es ist auch spürbar, dass die bestehenden organisationsformen der gegnerInnen den kapitalismus nur mäßig in frage stellen. ich halte es aktuell für die wichtigste aufgabe von revolutionärInnen aufmerksam zu sein, sich intellektuell fit zu halten, besserwisserei und avantgardistischen hochmut hintanzustellen und viel zu experimentieren. es ist nicht notwendig den richtigen zeitpunkt, den richtigen ort und die richtige revolutionäre klasse herauszufinden oder gar zu konstruieren. revolten werden spontan auftreten, keinesfalls gesichert, dass sie revolutionärem inhalts sind. dann werden kluge köpfe gefragt sein, dann ist der zeitpunkt für revolutionärInnen wie fische im wasser dabei zu sein.

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